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Kleine Anfrage: Überstunden in Deutschland

Kleine Anfrage - Drucksache Nr. 19/13407

Die Überstunden befanden sich zuletzt auf einem Höchststand seit 2007. Die Digitalisierung führt derzeit nicht zu einer Entlastung der Beschäftigten, sondern zu einer höheren Arbeitsbelastung und wachsenden Arbeitsmenge. Die allermeisten Überstunden werden aus betrieblichen Zwängen heraus geleistet. Die LINKE fragt nach dem Umfang von bezahlten wie unbezahlten Überstunden sowie nach dem Umfang von Mehrarbeit in Deutschland.

 

Hierzu liegt eine Antwort der Bundesregierung als Drucksache Nr. 19/15098 vor. Antwort als PDF herunterladen

2 Milliarden Überstunden, die Hälfte davon unbezahlt

Auswertung der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Überstunden in Deutschland“ (Drs. 19/13407) von Jessica Tatti u.a. und der Fraktion DIE LINKE im Bundestag

Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse:

2,02 Milliarden Überstunden machten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2018. Damit sind die Überstunden auf einen neuen Höchststand seit 2012 gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Menge der Überstunden um 1,8 Prozent zugenommen; im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre (Durchschnitt = 1,85 Milliarden Stunden) sogar um über 9 Prozent. Rund die Hälfte der Überstunden (978 Millionen Arbeitsstunden) wurde 2018 nicht vergütet. Auch im ersten Halbjahr 2019 wurden bereits knapp eine Milliarde Überstunden geleistet, davon mehr als die Hälfte (490 Millionen) unbezahlt. (Frage 1, Tabelle 3) Das Arbeitsvolumen von bezahlten und unbezahlten Überstunden 2018 würde rechnerisch ausreichen, um 1,23 Millionen Vollzeit-Arbeitsplätze zu schaffen. (Frage 13, Tabelle 40)

Überdurchschnittlich hohe Anteile von Überstunden an allen geleisteten Arbeitsstunden haben befristet Beschäftigte mit 2,1 Prozent (Durchschnitt = 1,8 Prozent; Frage 3, Tabelle 10). Beschäftigte mit Homeoffice-Nutzung haben fast doppelt so viele Überstunden (5,6 Stunden) pro Woche geleistet als Beschäftigte ohne (2,9 Stunden); in der Altersgruppe der 18 bis 39 Jährigen sind es sogar 6,5 Überstunden pro Woche im Vergleich zu 2,7 ohne. (Frage 6, Tabelle 20 ff.)

Ein Drittel der Beschäftigten mit mehr als zwei Überstunden in der Woche geben als Grund an, die Arbeit in der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit nicht zu schaffen. Insgesamt entstehen 80 Prozent der Überstunden aus betrieblichen Zwängen – vier Prozentpunkte mehr als 2015. (Frage 14)

Im Jahr 2018 haben Unternehmen rechnerisch (auf Basis der durchschnittlichen Arbeitskosten je geleistete Stunde 2018) 34,2 Milliarden Euro an Lohnkosten durch Nichtbezahlung von Überstunden gespart.

Mein Kommentar zu den Ergebnissen:

„Es ist fahrlässig, dass die Überstunden mit jedem Jahr weiter ansteigen ohne, dass die Bundesregierung einen Anlass zum Handeln erkennt. Sie liefert die Beschäftigten damit weiterhin der Arbeitshetze und Überlastung aus. Die Bundesregierung legt die Hände in den Schoß, während Arbeitgeber auf Kosten der Gesundheit ihrer Beschäftigten Milliardenbeträge einsparen, indem jede zweite Überstunde unbezahlt bleibt. Das ist Lohndiebstahl!

Es ist nicht hinnehmbar, dass die einen bis zum Umfallen schuften, während andere unfreiwillig in der Teilzeitfalle stecken oder überhaupt keine Arbeit mehr finden. Die Wochenhöchstarbeitszeit muss endlich reduziert werden, um diesen Missbrauch von Überstunden zu stoppen. Wenn die Arbeit in der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit nicht zu schaffen ist, sind die Arbeitgeber in der Pflicht zusätzliches Personal einzustellen.

Jessica Tatti, Sprecherin für Arbeit 4.0 der Fraktion DIE LINKE im Bundestag.