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Kleine Anfrage: Trotz Pandemie - Überstunden verharren auf hohem Niveau


Meine Rede im Wortlaut

 
Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache Nr. 19/29581): Antwort als PDF herunterladen

 

Ergebnisse:

Trotz Pandemie leisteten Beschäftigte im Jahr 2020 1,67 Milliarden Überstunden in Deutschland. Zwar sind die Überstunden im Vergleich zum Vorjahr gesunken, verharren jedoch auf hohem Niveau. Die Abnahme des Überstundenanteils am gesamten Arbeitsvolumen betrug lediglich 0,3 Prozentpunkte (unbezahlte Überstunden: 0,1 Prozentpunkt). Mehr als die Hälfte der Überstunden (892 Millionen Arbeitsstunden) waren unbezahlt. (Tabelle 5, Tabelle 39) Während die bezahlten Überstunden im Vergleich zum Vorjahr um -15,4 Prozent abnahmen, waren es bei den unbezahlten Überstunden nur -5,8 Prozent. (Tabellen 3-4) Zahlen des IAB zufolge ist der Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen bei Teilzeitbeschäftigten (2020: 3,6 Prozent) deutlich höher als bei Vollzeitbeschäftigten (2020: 3,1 Prozent).[1] (Tabellen 20-21)

Das Arbeitsvolumen der bezahlten und unbezahlten Überstunden im Jahr 2020 würde rechnerisch ausreichen, um 1,06 Millionen Vollzeit-Arbeitsplätze zu schaffen. (Frage 12) Im Jahr 2020 haben Unternehmen rechnerisch 32,7 Milliarden Euro an Lohnkosten durch Nichtbezahlung von Überstunden gespart.[2]

Im Jahr 2019 hatten laut Mikrozensus befristet Beschäftigte mit 2,1 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Überstunden an allen geleisteten Arbeitsstunden (Durchschnitt aller abhängig Beschäftigten 2019 = 1,7 Prozent; Tabellen 1 und 12)[3]. (Tabelle 13)

Beschäftigte mit Homeoffice-Nutzung hatten 2019 deutlich mehr Überstunden (5,1 Stunden) pro Woche als Beschäftigte ohne (2,8 Stunden)[4]; Im Vergleich zu der letzten Erhebung aus dem Jahr 2017 ist gerade in der Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen eine deutliche Verschiebung sichtbar: 2017 gab diese Altersgruppe an, 6,5 Überstunden pro Woche im Homeoffice zu leisten. 2019 waren es nur noch 5,1 Stunden. Hingegen stieg die wöchentliche Überstundenzahl der Beschäftigten ohne Homeoffice von 2,7 im Jahr 2017 auf 2,9 im Jahr 2019. (Tabelle 22, BT-Drs. 19/13407 Tabelle 20).

Der häufigste Grund für Überstunden war, die Arbeit in der vertraglich vorgesehenen Zeit nicht zu schaffen (81,2 Prozent). Für mehr als ein Drittel der Beschäftigten (36,7 Prozent) war dies auch der Hauptgrund. (Frage 13, Tabelle 40)

Mehr als jede/r zehnte abhängig Beschäftigte (10,3 Prozent) arbeitete 2019 mehr als 48 Stunden (männliche Beschäftigte 14,6 Prozent; Altersgruppe 45-54 11,3 Prozent; Dienstleistungsbereich 12,3 Prozent). (Tabelle 45 und 54)

 

Mein Kommentar zu den Ergebnissen:

„Die Beschäftigten haben schlichtweg mehr Arbeit auf dem Tisch, als sie in der vertraglichen Arbeitszeit schaffen können. Jahr für Jahr leisten Beschäftigte Überstunden zum Nulltarif und werden um Lohn geprellt. Für die Arbeitgeber rechnet sich das. Sie sparen jährlich zweistellige Milliardenbeträge an Lohnkosten. Dieser Missbrauch von Überstunden muss ein Ende haben. Die Bundesregierung muss die vom Europäischen Gerichtshof geforderte Aufzeichnungspflicht endlich verpflichtend umsetzen. Arbeitszeiten gehören vollständig erfasst und entlohnt!

Es kann nicht sein, dass die einen bis zum Umfallen schuften, während andere in unfreiwilliger Teilzeit feststecken oder keine Arbeit finden. Deswegen fordern wir die Absenkung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit. Wenn die Beschäftigten das Arbeitspensum in der vertraglichen Arbeitszeit dauerhaft nicht bewältigen können, muss mehr Personal eingestellt werden!“

 

Fußnoten:

[1] Beim Mikrozensus werden Privathaushalte nach den in der vergangenen Woche geleisteten Überstunden befragt. Die Angaben sind freiwillig. Laut BT-Drs 18/9595 sei daher bis 2016 von einer Untererfassung der Überstunden auszugehen. Laut Bundesregierung seien Auswertungen aus dem Mikrozensus sind eher für Strukturanalysen geeignet (z.B. nach Geschlecht, Alter etc.). Im Gegensatz zum Mikrozensus ermittele „das IAB die Überstunden über das ganze Kalenderjahr hinweg und ist aufgrund der umfassenden Abbildung der Überstunden unter Einbeziehung anderen Quellen eher für konjunkturelle Analysen geeignet.“

[2] Vermehrt man die Anzahl unbezahlter Überstunden in 2020 (892 Millionen) mit den durchschnittlichen Arbeitskosten je geleistete Stunde laut Statistischem Bundesamt (36,70 €/h im Jahr 2020), dann kommt man auf 32,7 Milliarden Euro an eingesparten Lohnkosten durch Nichtzahlung von Überstunden.

[3] In der Tabelle 12 wurden bei den bezahlten Überstunden falsche Werte berechnet. Die Anteile der bezahlten Überstunden 2019 sind 1% bundesweit, 1% im früheren Bundesgebiet und 0,9% in den Neuen Ländern)

[4] Vergleich mit der letzten Erhebung: Überstunden pro Woche mit Homeoffice: 2019 5,1 Stunden; 2017: 5,6 Stunden. Ohne Homeoffice 2019: 2,8 Stunden; 2017: 2,9 Stunden. (Tabelle 22, BT-Drs. 19/13407 Tabelle 20)