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Kleine Anfrage: Hybride Erwerbsformen in Deutschland

Kleine Anfrage - Drucksache Nr. 19/16288

Die Digitalisierung trägt zum Wandel von Erwerbsformen bei. Darunter finden sich auch neue Formen der selbstständigen Erwerbsarbeit, wie zum Beispiel Solo-Selbstständigkeit und hybride Erwerbsformen.Sowohl hybride Erwerbsverläufe als auch hybride Selbstständigkeit haben in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. Für hybride Erwerbstätige wie für die sozialen Sicherungssysteme stellen hybride Erwerbsformen daher ein Risiko dar.

Hierzu liegt eine Antwort der Bundesregierung als Drucksache Nr. 19/16658 vor. Antwort als PDF herunterladen

Hybride Erwerbsformen und Mehrfachbeschäftigung nehmen zu, fast die Hälfte aller Selbständigen sind solo-selbständig

Auswertung der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Überstunden in Deutschland“ (Drs. 19/16288) von Jessica Tatti u.a. und der Fraktion DIE LINKE im Bundestag

Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse:

Hybride Selbständigkeit: Derzeit sind 764.000 Erwerbstätige hybrid selbständig (d.h. sie gehen neben einer Selbständigkeit noch einer abhängigen Beschäftigung nach). Der Anteil von hybrid Selbständigen an allen Selbständigen hat sich seit 1994 mehr als verdoppelt. Bei jüngeren Erwerbstätigen ist hybride Selbständigkeit am häufigsten zu finden und am stärksten seit 1994 gewachsen: Rund 30 Prozent der Selbständigen im Alter von 15 bis 34 waren 2018 hybrid selbständig, 1994 waren es nur rund 10 Prozent. In Baden-Württemberg und in Bayern ist mehr als jeder fünfte Selbständige in einer hybriden Selbständigkeit tätig.

Mehrfachbeschäftigung: 2,2 Millionen Erwerbstätige gehen mehr als einer Beschäftigung nach. Am häufigsten betroffen sind Frauen sowie Erwerbstätige im mittleren Alter beziehungsweise in der Dienstleistungsbranche. Gerade bei den Frauen ha Nebentätigkeiten fast verfünffacht, von 1,2 Prozent auf 5,9 Prozent im Jahr 2018. Überdurchschnittlich häufig eine Nebentätigkeit haben Erwerbstätige in Baden-Württemberg und Bayern.

Solo-Selbständige: Von den 4,7 Millionen Selbständigen in der Bundesrepublik waren 2018 2,2 Millionen solo-selbständig. Das entspricht 5,3 Prozent aller Erwerbstätigen und rund 48 Prozent aller Selbständigen. Insgesamt sind Männer (12 Prozent) häufiger selbständig als Frauen (rund 7 Prozent). Jedoch ist der Anteil der Solo-Selbständigen an allen Selbständigen bei Frauen höher (66 Prozent) als bei den Männern (50 Prozent). Der Anteil der Solo-Selbständigen an allen Selbständigen der entsprechenden Gruppe ist in der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen am höchsten (69 Prozent), gefolgt von den 65-Jährigen oder Älteren (62 Prozent). Am häufigsten findet man Solo-Selbständigkeit in der Dienstleistungsbranche und im Handwerk: 60 Prozent der Selbständigen in der Dienstleistungsbranche sind solo-selbständig, im Handwerk sind es 53 Prozent. Berlin hat insgesamt nicht nur den höchsten Anteil an Selbständigen im Bundesgebiet (15 Prozent), sondern auch anteilig an allen Erwerbstätigen (11 Prozent) die meisten Solo-Selbständigen. 75 Prozent der Selbständigen in Berlin sind solo-selbständig.

Die Zahl der Selbständigen ist von 3,5 Millionen im Jahr 1994 auf rund 4,7 Millionen im Jahr 2018 gestiegen. 2012 gab es mit 4,9 Millionen einen Höchststand an Selbständigen in der Bundesrepublik. Seit 2012 sind die Zahlen wieder rückläufig. Ähnlich verhält es sich mit den Solo-Selbständigen. Seit 1994 ist die Zahl der Solo-Selbständigen von rund 1,4 Millionen auf rund 2,2 Millionen gestiegen. Einen Höchststand an Solo-Selbständigen gab es ebenfalls 2012, seitdem sind die Zahlen auch hier rückläufig.

Laut Bundesregierung hatte nicht nur die Digitalisierung Einfluss auf die Entwicklung der Zahl der Mehrfachbeschäftigung und der Solo-Selbständigen, sondern auch die verstärkte Tendenz von Unternehmen, Funktionen des Betriebes zu outsourcen, d.h. an Freiberuflerinnen und Freiberufler auszulagern sowie auch z.B. die Liberalisierung des Handwerkrechts. Dazu plane die Bundesregierung „einen Gesetzentwurf, mit dem alle nicht obligatorisch abgesicherten Selbständigen in die Versicherungspflicht der gesetzlichen Rentenversicherung einbezogen werden“. [vgl. Frage 17]

Mein Kommentar zu den Ergebnissen:

Die unsägliche Masche von Unternehmen, Arbeit aus Kostengründen aus dem Betrieb auszulagern, ist seit Jahren zu beobachten. Oft leisten dann Solo-Selbstständige die gleiche Arbeit wie zuvor abhängig Beschäftigte, mit dem gravierenden Unterschied, dass sie keine vom Arbeitgeber mitfinanziere Renten- und Krankenversicherung haben, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keine gesetzlichen Urlaubsansprüche, keine Mitbestimmung und keinen Mindestlohn. Dem muss ein Riegel vorgeschoben werden! Es nicht hinnehmbar, dass Unternehmen Arbeitnehmerrechte auf diese Weise umgehen.

Gerade in der Plattformökonomie ist Selbständigkeit oft unfreiwillig und prekär. Für die Menschen sind das meist Phasen ohne Absicherung fürs Alter. Ein großer Teil der Solo-Selbständigen verdient weniger als den Mindestlohn, die wenigsten sind überhaupt über eine Altersvorsorge abgesichert. Dieses Problem muss schnellstmöglich behoben werden, indem alle – auch die Selbständigen – grundsätzlich in die Gesetzliche Rentenversicherung einzahlen und zwar zu Beiträgen, die sie sich leisten können.“

Jessica Tatti, Sprecherin für Arbeit 4.0 der Fraktion DIE LINKE im Bundestag